Gehirne ohne Kompass?

Menschliche Gehirne sind nahezu jeder Belastung gewachsen, wenn ihre innere „Kompasseinstellung“ stimmt. Derzeit hat man aber den Eindruck, dass die Justierung der Kompassnadel verloren gegangen ist. Die Fliehkräfte von Digitalisierung, Globalisierung und Klimawandel zeigen einen Wendepunkt in der Geschichte der Menschen an, auf den sie nicht vorbereitet sind. Unsicherheit und Angst, aber auch Aggression, Radikalisierung und eine Inflation würdevollen Verhaltens breiten sich aus. Um das zu verstehen, muss man auf die Ergebnisse der neurobiologischen Hirnforschung der letzten Jahrzehnte zurückgreifen, die erstaunlicherweise kaum Eingang in Erziehung, Sozialverhalten, Politik und würdevollem Umgang mit Mensch und Tier gefunden haben:
Im Gegensatz zum Tier wird der Mensch nicht mit einem im Lebensverlauf kaum mehr beeinflussbarem genetisch determinierten „Hirnprogramm“ geboren, sondern mit einer Grundausstattung von 100 Milliarden Nervenzellen, die ein Leben lang äußeren und inneneren Einflüssen unterliegen. Man spricht deshalb von der „Plastizität“ des menschlichen Gehirns. Sie beginnt bereits im Bauch der Mutter und setzt sich bis ins Alter fort.
Angenehme und unangenehme, richtige und falsche, gute und böse Reize formen so den Mensch zu seiner einzigartigen Individualität im positiven  wie auch negativen Sinn. Sensible Phasen für empathisches Verhalten (2./3. Lebensjahr) und intellektuelle und motorische Reaktionsmuster (6.-14. Lebensjahr) erhöhen die Reaktionsbereitschaft des Gehirns als immer offenen Lernapparat zusätzlich. Richtig gemacht resultiert die eingangs erwähnte stabile Kompasseinstellung. Aber was ist hier richtig, wenn auf unsere Kinder unaufhörlich Eindrücke aus einer global vernetzten Welt einprasseln, eine mediale Überflutung anbrandet, unwürdige Werbekampanien speziell für Kinder inszeniert werden und verunsicherte Eltern nicht mehr wissen, wie sie eigentlich erziehen sollen?
Was kann man also tun, um uns und unseren Kindern ein würdevolles Leben zu ermöglichen?

  • Begreifen, dass Veränderung nottut.
  • Die Uhren nicht zurückdrehen wollen.
  • Nicht nur unsere Technologien, sondern uns auch als Menschen weiterentwickeln.
  • Die Integrität und Würde von Mensch, Tier und Natur anerkennen, auch wenn sie wirtschaftlichem Fortschritt widerspricht.
  • Unsere Kinder nicht zurechtstutzen wie junge Obstbäume, bis sie so viele Früchte tragen, dass die Äste brechen oder sie gar nichts mehr produzieren.
  • Stattdessen Freude, Wissensdurst, Neugier und Erfindungsreichtum zulassen.
  • Kinder nicht einfach nur in Kitas abgeben, sondern auch Bezugspersonen vermitteln (Großeltern, Freunde).
  • Eliteschulen und Eliteuniversitäten sind keine Garantie für ein würdevolles Verhalten, wie man am Beispiel führender Manager erkennen kann, deren Konten im gleichen Maß wie ihre moralischen „Müllberge“ wachen.
  • Die Bedeutung des Internets als Informationsquelle darstellen, Fakes erklären, Killerspiele vom Ego-Shooter-Typ ablehnen.
  • Jugendliche von „Rattenfängern“ aus der Drogen- und Radikalenszene fernhalten.

All dies und wohl noch viel mehr ist leicht geschrieben, aber schwer durchzuführen -  doch denken sie daran, es geht, unser Gehirn ist bereit und wir haben keine Zeit zu verlieren.

Luk Geiger
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Ausführliche Information: Wer braucht schon ein Gehirn? 52 S. und Karikaturen von Luk Geiger